Vom 22.11.2009 bis zum 21.03.2010 zeigt das Max Ernst Museum Brühl in einer Austellung Gemälde, Fotografien, frühe Kurzfilme und allerlei andere Werke von David Lynch, dem Regisseur von Eraserhead, Inland Empire, Mulholland Drive, Lost Highway, Blue Velvet und anderen Filmen, die ich leider noch nicht alle gesehen habe, die aber vermutlich ähnlich gut und hoffentlich ebenso verstörend sind, wie die zu Beginn der mittlerweile ziemlich entarteten nachgestellten Apposition (ja, das hab’ ich nachgeschlagen), in der ich mich gerade befinde, von mir genannten. Das Interessante: die “dunkle Pracht” aus dem Titel der Ausstellung ist offenbar so dunkel, dass sich der folgende, doch ein wenig Vorfreude erweckende Absatz in die Ankündigung auf der Website des Museums geschlichen hat:
Bitte beachten Sie, dass einige der in der Ausstellung gezeigten Kunstwerke Ihre Wert- oder Moralvorstellungen verletzen können. Dies gilt insbesondere für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, die deshalb nur in Begleitung Erwachsener auf deren Verantwortung die Ausstellung besichtigen sollten.
Henry Darger. Lebte einsam und zurückgezogen in Chicago. Verrichtete tagsüber einfache, monotone Arbeit. 1973 kurz vor seinem Tod gefunden: The Story of the Vivian Girls, in What is known as the Realms of the Unreal, of the Glandeco-Angelinnian War Storm, Caused by the Child Slave Rebellion. Von ihm verfasstes, 15.145-seitiges Manuskript mit zahlreichen selbstangefertigten Illustrationen. Ein einziges großes Rätsel. Outsider Art.
The Vivian Girls may be radiant icons of all that is good and innocent, but their struggle is sometimes presented with a ferocious bloodiness that has millions of little girls being graphically tortured and killed, while fires, floods, tornadoes and eruptions as well as warfare dispatch in merciless agonies millions of other people, thousands of them named characters.
In the Realms of the Unreal, 2005. Eine Dokumentation von Jessica Yu. Versucht, Leben und Werk dieses Mannes zu erfassen.
Neben dem Fenster rauscht ein Zug vorbei. Erst sein dumpfes Grollen machte mich darauf aufmerksam, dass ich in meinem Zimmer, an meinem Schreibtisch sitze. Aus den Lautsprechern kriechen mir Töne entgegen, schleichen sich leise in mich ein. Vermutlich waren sie für mein Abdriften verantwortlich. Das passiert öfter.
Worüber habe ich diesmal nachgedacht? Jeder Versuch, mich zu erinnern, fühlt sich falscher an, als der vorhergegangene. Mir kommen die vielen Morgen in den Sinn, an denen ich aus anderen Welten erwachte und mich in meinem Bett wiederfand, wissend, vor einem Augenblick noch woanders gewesen zu sein, aber um klare Erinnerungen betrogen. Genauso fühle ich mich jetzt. Vielleicht habe ich über nichts nachgedacht.
Moloch whose name is the Mind!
Nun sitze ich in meinem Zimmer, an meinem Schreibtisch. Und meine Gedanken driften ab.
Es beginnt ganz harmlos. Nur ein subtiles Etwas, das sich leise schwingend bemerkbar macht. Ein Reiz. Die erste Reaktion lässt nicht lange auf sich warten: ein nicht enden wollender Reigen elektrischer Signale weckt mich aus meinem Schlaf, Neurotransmitter springen wie wild durcheinander, Dendriten und Axone reichen sich die Hände, bis langsam Muster entstehen, Formationen. Formationen, die sich wiederholen, die ich kenne. Doch schon wird es ruhiger — ich muss mich sammeln. Urteile brauchen Zeit, das Chaos ist groß…
Plötzlich sehe ich klar. Wie ein Stromschlag jagt die Erkenntnis durch meinen Körper. Jede einzelne Zelle windet sich, krümmt sich, zieht sich zusammen, denn meine Vorhersagen wurden erfüllt. Werden weiterhin erfüllt. Immer wieder bestätigen neuankommende, altbekannte Formationen mein zelluläres Feedback, meine Erwartungen. Ich bin ohnmächtig meinem Verstand ausgeliefert, kann die Aktionspotentiale, die mich so sehr quälen, nicht stoppen, niemals. Es ist mitten in der Nacht und mein Nachbar hört in enormer Lautstärke grottige Musik. So ein Scheiß. Und Ahnung von Biologie hab’ ich auch nicht.
Die objektive Welt der Naturwissenschaft des vorigen Jahrhunderts war, wie wir jetzt wissen, ein idealer Grenzbegriff, aber nicht die Wirklichkeit. Es wird zwar bei jeder Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit auch in Zukunft notwendig sein, die objektive und die subjektive Seite zu unterscheiden, einen Schnitt zwischen beiden Seiten zu machen. Aber die Lage des Schnittes kann von der Betrachtungsweise abhängen, sie kann bis zu einem gewissen Grad willkürlich gewählt werden. Niels Bohr in einem Gespräch mit Werner Heisenberg, 1927
Aus Werner Heisenberg: Der Teil und das Ganze, R. Pieper & Co. Verlag, München 1969, S. 124f